Thursday, 30 March 2017

Herrenbekleidung "Fortschritt"

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Im Jahre 1907 wurde auf einem Gelände nahe der Normannenstraße und der Möllendorffstraße ein Textilbetrieb errichtet. In den Folgejahren erfolgte eine Vergrößerung der Produktionspalette um industrielle Herrenoberbekleidung und eine umfangreiche bauliche Erweiterung mit den damals typischen Fassaden mit glasierten Klinkern in den Farben weiß mit grünen Schmuckelementen. Ein sechsstöckiger Block mit großem Innenhof und einem eigenen Heizhaus wurde errichtet. Viele hundert Menschen fanden hier Arbeit. Im Herbst 1945 wurde die in Berlin-Lichtenberg ansässige Herrenbekleidungsfabrik Beha GmbH von der sowjetischen Militärverwaltung beschlagnahmt und bis 1946 durch sie verwaltet. Das Konfektionsunternehmen war 1928 von den beiden eigenständigen, 1901 und 1911 jeweils als GmbH gegründeten Firmen Peek & Cloppenburg KG, Berlin, und Peek & Cloppenburg KG, Hamburg, errichtet worden.

Im Anschluss an die sowjetische Verwaltung wurde die Beha GmbH von 1946 bis 1948 dem Bezirksamt Lichtenberg unterstellt. In dieser Zeit wurde sie zusammen mit 17 weiteren Konfektionären zur "Bekleidungswerke Fortschritt GmbH" vereint. Unter dem Dach der Deutschen Treuhandverwaltung, der das Unternehmen seit Oktober 1948 unterstand, erfolgte eine strukturelle Umorganisation der Bekleidungswerke, in deren Verlauf die einzelnen Betriebsteile zu acht Werken neu formiert wurden. Die ehemalige Hauptfertigung der Beha GmbH wurde dabei zusammen mit einigen kleineren Betrieben zum Werk I der "Bekleidungswerke Fortschritt". Ein früherer Beha-Zweigbetrieb in der Berliner Möllendorffstraße firmierte dagegen gemeinsam mit dem Nachfolger der Firma Klook & Göttel als Werk IV, während ein vormaliger Zweigbetrieb der C. & A. Brennigkmeyer als Werk VI geführt wurde.

Am 20. Juni 1949 endete die treuhänderische Verwaltung, der der Übergang des Betriebs in Volkseigentum folgte. Als "VEB Bekleidungswerke Fortschritt" wurde das Unternehmen der VVB (B) Leichtindustrie zugewiesen. Nach deren Auflösung 1951 wechselte das Unterstellungsverhältnis häufig. So war 1953 zunächst der Magistrat von Groß-Berlin, Abteilung Wirtschaft, später dessen Abteilung Örtliche Industrie und Handwerk zuständig. Ihm folgte 1954 der Rat des Stadtbezirks Lichtenberg, Abteilung Örtliche Industrie und Handwerk, gefolgt vom Magistrat von Groß-Berlin, Industrieverwaltung Bekleidung (1956), dem Ministerium für Leichtindustrie der DDR, Hauptverwaltung Bekleidung (1957) und der neu gegründeten "VVB Konfektion Berlin" (1958). Wie andere Werke des "VEB Bekleidungswerke Fortschritt" war das Werk I zu diesem Zeitpunkt bereits umbenannt. Firmierte seit 1954 das Werk III als "VEB Berliner Mode" und das Werk IV als "VEB Elegant", so trug das Werk I seit Mai desselben Jahres die Bezeichnung "VEB Herrenbekleidung Fortschritt". Im Zuge eines wirtschaftlichen Konzentrationsprozesses wurde der VEB Herrenbekleidung Fortschritt in den Folgejahren stetig erweitert. So wurde 1955 der seit 1953 bestehende "VEB Formschön" übernommen, dem 1963 der "VEB Mantelmoden Weißensee" und 1966 der "VEB Tadellos" folgten. Drei Jahre später wurde der VEB Herrenbekleidung Fortschritt als Stammbetrieb selbst Teil des neu gebildeten "VEB Kombinat Oberbekleidung Berlin". Nach der Auflösung des Kombinats 1990 gingen Teile des ehemaligen VEB Herrenbekleidung Fortschritt in der "Becon Holding AG" auf, die mit verschiedenen Unternehmen, wie der "Becon classic GmbH", weiter im Konfektionsgeschäft tätig war. Auf dem heutigen Gelände werden in Zunkunft Loft Wohnungen entstehen. Mieter die bisher die Gebäude als Lager nutzten, müssen nun ihre Räumlichkeiten aufgeben.

Quelle: Landesarchiv Berlin C Rep. 470-02

Fotoaufnahmen: Wesenstein