Wednesday, 22 November 2017

Hubertusbad

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Als Lichtenberg 1907 in den Rang einer Stadt erhoben wurde und sein erstes Rathaus besaß, plante die Stadtverwaltung auch die entsprechenden städtischen Einrichtungen wie ein Amtsgericht, ein Krankenhaus, ein Entbindungsheim, Schulen und ein Volksbad.

Ein 3.800 m² großes Grundstück an der Frankfurter Allee wurde erworben. Die baulichen Entwürfe für das Stadtbad wurden in der Zeit des Ersten Weltkrieges angefertigt. Der erste Spatenstich erfolgte im Jahre 1919 und die Fundamente wurden gelegt. Weil Lichtenberg 1920 als Bezirk nach Berlin eingemeindet wurde und seinen Stadtstatus verlor (und sicherlich auch wegen knapper Kassen), wurden die Bauarbeiten eingestellt.

Erst 1925 wurde weitergebaut, nachdem die vorhandenen Pläne durch die Architekten Rudolf Gleye und Otto Weis aktualisiert werden konnten. Es entstand ein mehrgliedriger kubischer Baukörper im Stile des Expressionismus mit - nach damaligen Vorstellungen - sehr modernen Ausstattungen:

* medizinische Bäder

* eine russisch-römische Abteilung als Saunabereich mit Warm- und Heißluftraum, Massagekabinen und einem Duschenraum mit Kaltwasserbecken

* je ein großer Wassertauschbehälter im Keller (wodurch eine schnelle Reinigung des Wassers der Schwimmbecken möglich war),

* je ein frei gelagertes Schwimmbecken (Bau im Bau) für Frauen (20 Meter lang: kleines Becken) und Männer (25 Meter lang: großes Becken)

* Wannenabteilung und Galerie zu den Schwimmhallen

* ein Gymnastiksaal und Bereiche für physiotherapeutische Behandlungen

* eine Sonnenterrasse über dem Mitteltrakt des Baukörpers, die von hölzernen Umkleidekabinen umgeben ist und auf der Liegestühle ausgeliehen werden konnten sowie

* ein Fahrstuhl.

Die Einweihung des Hubertusbades erfolgte am 2. Februar 1928 durch den Berliner Oberbürgermeister Gustav Böß.

Der dreigliedrige Baukörper steht in Ost-West-Richtung zwischen der Atzpodienstraße und der rechtwinklig geführten Hubertusstraße unmittelbar neben dem Oskar-Ziethen-Krankenhaus. Sein Mittelteil ist um zwei Lichthöfe herum ausgebildet, deren Fassaden mit ockerfarbenen Klinkern verkleidet sind. Alle Außenfassaden sind mit grauem Putz ausgeführt, zum dreitürigen Haupteingang führt eine Freitreppe hinauf.

Über dem Eingang, zwischen den Fenstern des Obergeschosses, gibt es in frakturähnlichem Stil den Schriftzug Stadtbad Lichtenberg und symmetrisch mittig vier grob dargestellte Springerfiguren, die der Bildhauer Ludwig Isenbeck schuf.

Das Stadtbad betrat man durch diesen Haupteingang in der Hubertusstraße im Erdgeschoss. Das Foyer, ein sogenanntes Attikageschoss, war mit einem Kassenbereich (später Kassenautomaten), einer 1919 geschaffenen Bronzeplastik Ruhendes Mädchen mit Badekappe von Karl Trumpf und geschwungenen Treppen einladend gestaltet. Die mit gusseisernen Geländern geschmückten Treppen verbanden alle Etagen des Hauses. Ein als „Stiefelgang" bezeichneter Bereich führte zu jeder Halle.

Die Schwimmhallen waren mit türkisfarbenen und in verschiedenen Brauntönen gehaltenen Fliesen gegliedert und geschmückt, der Boden der Wasserbecken war geneigt und reichte von etwa 50 Zentimeter bis zu zirka 2,50 Meter Wassertiefe. Beiderseits an den Schmalseiten, an denen sich auch die Duschräume befanden, führten Treppen in den Flachbereich. Bei einer Länge von 5 Metern trennte eine lederummantelte Kette den Nichtschwimmer- vom Schwimmerbereich. Für die Schwimmer gab es im Tiefwasserbereich seitwärts Ausstiegsleitern, von denen auch die Sprunggelegenheiten erreicht werden konnten. Bei normaler Benutzung waren dies feste kleine Startblöcke, für Sprungübungen oder Wettkämpfe konnten sogenannte „Ein-Meter-Sprungbretter" oder (in der großen Halle) auch ein „Fünf-Meter-Brett" heruntergelassen werden, die bei Nichtgebrauch senkrecht am Galeriegeländer befestigt waren. Ein auf Metallrohren ruhender „Drei-Meter-Turm" stand in der Mitte an der tiefen Wasserseite. Unterhalb der Becken sind Zisternen "versteckt", die den gesamte Wasservorrat der Becken aufnehmen können. So ist es möglich das das Wasser innerhalb kurzer Zeit komplett umgewälzt und gereinigt werden konnte.

Die zahlreichen Umkleidemöglichkeiten verteilten sich auf den Erdgeschossbereich und auf den Galeriebereich. Die bequemeren Kabinen waren von der Rückseite mit Straßenschuhen betretbar, an der Tür befand sich ein Schiefertäfelchen, auf das die angestellten „Badefrauen" die Zeit des Eintritts notierten, da der normale Aufenthalt auf eine Stunde begrenzt war. Nach vorn, zum Badebereich verließ man die Kabinen und musste, wie heute auch üblich, vor dem Betreten des Schwimmbeckens eine Körperreinigung ohne Badebekleidung vornehmen; die Badefrauen kontrollierten dies stichprobenartig.

An einer Schmalseite der Galerie gab es einen offenen Umkleidebereich mit kleinen Spinden, die durch Vereine oder Schüler zu benutzen waren.

In der ersten Etage des mittleren Baukörpers befanden sich die „Wannenbäder", kleine Räume mit je einer Emaillebadewanne darin. Hier konnten Personen, die in der Wohnung weder Dusche noch Badewanne hatten, für wenig Geld die Körperreinigung durchführen. Zusammen mit der Eintrittskarte wurden dazu kleine Seifenstückchen erworben. – Im gleichen Geschoss erreichte man (über dem Stiefelgang) die Galerie über den Schwimmbecken. Hier gab es neben den schon genannten Umkleidemöglichkeiten auch eine kleine Tribüne für Zuschauer bei Wettkämpfen.

Die beiden Baukörper mit den darunterliegenden Schwimmhallen sind mit Walmdächern abgeschlossen. Rückwärtig, in Richtung Frankfurter Allee, schließen sich der Wirtschaftshof des Stadtbades und einige später errichtete Wohnbauten an.

Bademeister bei der Wasserreinigung: Schwebstoffe werden entfernt (1950)

Im Kellerbereich war die Technik für den Wasserdurchfluss und die Reinigungsanlage untergebracht. Zu den Aufgaben der Bademeister gehörte auch deren Wartung.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude stark beschädigt, anschließend notdürftig repariert. - Da organisierter Volkssport von den Alliierten Siegermächten nach 1945 nicht sofort zugelassen wurde, stand das Bad leer oder wurde anderweitig genutzt - hierzu fehlen genauere Überlieferungen.

Erst ab 1948 ließen die sowjetischen Behörden die Gründung von Betriebssportgemeinschaften wieder zu und es entstand die „BSG Medizin Lichtenberg" mit ihrer Schwimmsektion, die das Stadtbad Lichtenberg als Trainings- und Wettkampfstätte benutzte. Später fand in den Schwimmhallen auch Schwimmunterricht für Lichtenberger und Friedrichshainer Schulen statt, weitere Vereine wie der Sportclub „Dynamo" trainierten hier, Rettungsschwimmer wurden ausgebildet. Wettkämpfe wurden in den Hallen organisiert und weitere Sportabteilungen wie „Wasserball" oder „Turmspringen" gründeten sich und trainierten in den Hallen erfolgreich (die Knaben der BSG Medizin Lichtenberg, Sektion Wasserball, wurden 1957 Berliner Meister der Betriebssportgemeinschaften).

Als im Zuge der Errichtung kompletter Neubauviertel in den östlichen Stadtbezirken dort auch neue lichtdurchflutete Schwimmhallen entstanden, verlor das Hubertusbad seine Bedeutung. Hinzu kommt, dass nun Baumängel, die bereits seit der Fertigstellung vorhanden waren, immer gravierender wurden, 1988 musste deshalb zunächst die „kleine Halle" schließen. Sie wurde als Lagerhalle zweckentfremdet genutzt. Danach traten auch Defekte an der Wasseraufbereitungs- und der Heizungsanlage auf, sodass 1991 das Bezirksamt Lichtenberg dann auch die „große Halle" sowie alle weiteren Badeeinrichtungen und sonstigen Räume in dem Gebäude schließen musste. Aus einer Bürgerinitiative heraus gründete sich 1999 ein „Förderverein Hupe e.V.", um eine Sanierung und Wiederinbetriebnahme zu unterstützen. Nachdem die Stadtverwaltung die Immobilie an den Liegenschaftsfonds übertragen hatte, kümmerte dieser sich um neue Besitzer mit einem vernünftigen Konzept - doch bislang vergeblich; das Stadtbad steht seitdem leer. - Der Verein „Hupe" löste sich 2003 auf.

Gelegentlich dient der Bau als Drehort für Filmaufnahmen. Zuletzt wurden hier Szenen für den Vampirfilm Wir sind die Nacht des Regisseurs Dennis Gansel gedreht.

Nach einer Führung durch das Gebäude im Sommer des Jahres 2010 beschloss eine Gruppe engagierter Bürger, einen weiteren Anlauf zur Rettung des Bades zu unternehmen. Sie wertete die Ergebnisse der Bürgerbefragung zum Sanierungsgebiet Frankfurter Allee Nord aus, führte zahlreiche Gespräche und am 19. März konstituierte sie sich als Initiativgruppe „Licht an im Hubertusbad! Initiative für die Sanierung und Belebung des Stadtbades Lichtenberg". Durch den Beschluss des Senats vom März 2011, das Gebiet Frankfurter Allee Nord zum Sanierungsgebiet zu erklären, sind die Chancen für eine Sanierung des Hubertusbades deutlich gestiegen. Die Initiative sammelt ab sofort Unterschriften und lädt alle Interessenten, Investoren und Entscheidungsträger ein, an der Entwicklung eines Nachnutzungskonzeptes mitzutun.

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Fotoaufnahmen: Denny Müller  interner Link

Panoramen: Denny Müller  interner Link

Historische Aufnahmen: gemeinfrei  interner Link

Bundesland: Brandenburg / Germany

Zustand: Leerstand / geschlossen

Eigentümer: Liegendschaftsfond Berlin

Quellen: wiki

              Preindl: Das Städtische Volksbad in Berlin-Lichtenberg, in: Deutsche Bauzeitung, 1929, S. 19-26

              Bezirksamt Lichtenberg (Hrsg.): Aufbauarbeit im Bezirk Lichtenberg, Berlin 1929, S. 65-69

              Die Bau- und Kunstdenkmale der DDR in Berlin, Band II, Seite 187;

              Hrsg. Institut für Denkmalpflege im Henschelverlag, Berlin 1984

Weblinks: www.hubertusbad.org