Wednesday, 28 June 2017

Haftanstalt Hohenschönhausen

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Industriegelände

Das Gelände der späteren Haftanstalt Hohenschönhausen gehörte bis 1938 dem Maschinenfabrikanten Heike. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt errichtete auf dem Grundstück einen zweistöckigen Backsteinbau, der eine Großküche beherbergte. In der Nähe der Großküche befand sich während des Zweiten Weltkriegs ein Barackenlager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter.

Speziallager Nr. 3

Im Mai 1945 übernahm das sowjetische NKWD das Gefangenenlager und die Großküche und richtete hier ein Speziallager ein, die Nr. 3 von zehn Lagern in der Sowjetischen Besatzungszone.

In diesem Gefängnis waren bei einer Durchschnittsbelegung von 1800 Häftlingen (Höchstbelegung: 4000 bis 5000) insgesamt mehr als 20.000 politische Häftlinge und andere für die Sowjetunion verdächtige Menschen inhaftiert und wurden von hier auf die anderen Speziallager verteilt. Inhaftiert waren so genannte „feindliche Elemente", unter ihnen ehemalige aktive Mitglieder der NSDAP oder Gestapo, Spione, Terroristen, Betreiber von illegalen Funkstationen oder Druckereien, Zeitungs- und Zeitschriftenredakteure und Autoren, die anti-sowjetische Schriften veröffentlicht hatten sowie Jugendliche unter „Werwolf"-Verdacht. Neben Deutschen gehörten ehemalige osteuropäische Zwangsarbeiter (wie Russen, Polen, Ukrainer, Esten, Letten, Tschechen) zu den Gefangenen. Das Speziallager Nr. 3 wurde im Oktober 1946 aufgelöst. Die Häftlinge wurden in die Speziallager Sachsenhausen oder Buchenwald verlegt.

Von den 20.000 Inhaftierten des Speziallagers Nr. 3 verstarben schätzungsweise 3.000 Menschen. Für sie wurde auf dem Friedhof an der Gärtnerstraße / Ferdinand-Schultze-Straße ein Gedenkstein errichtet. In der Genslerstraße befand sich die zentrale Verwaltung aller zehn sowjetischen Speziallager der SMAD in der damaligen sowjetischen Besatzungszone.

Zentrale Untersuchungshaftanstalt der sowjetischen Geheimpolizei

Isolierzelle im Altbau, dem „U-Boot"

Den Aussagen eines Zeugen nachempfundene Wasserfolter-Zelle, wie sie von der sowjetischen Geheimpolizei 1947 errichtet worden sei.

In dem unterirdisch gelegenen Lager- und Kühlraum der ehemaligen Großküche mussten Gefangene im Winter 1946/47 ein Zellengefängnis errichten. Es wurden 60 fensterlose Zellen geschaffen. Das Inventar dieser feuchten und zum Teil unbeheizbaren Kammern bestand aus einer Holzpritsche und einem Kübel für Fäkalien. Weil in den Zellen Tag und Nacht Licht brannte, ständig das Geräusch der Belüftungsanlage hörbar war und die Häftlinge sich „abgetaucht" fühlten, nannten sie das Gefängnis „U-Boot".

Die größtenteils politischen Häftlinge berichten von den Verhörmethoden seitens des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes: Die Verhöre fanden in der Regel nachts statt und die Häftlinge wurden physisch und psychisch gefoltert. Zu den Methoden gehörten Schlafentzug, stundenlanges Stehen, tagelanger Zellenarrest oder der mehrtägige Aufenthalt in Kammern mit erhöhter Türschwelle, in denen Gefangene solange mit Wasser übergossen wurden, bis sich auf dem Zellenboden ein zentimeterhoher Wasserstand gebildet hatte. Darüber hinaus berichtet der ehemalige Häftling Karl-Heinz Reuter, er habe im Mai 1947 mit einem Mithäftling Geräte zur Wasserfolter in vier Zellen einbauen müssen; über ihre Existenz liegen neben seinen Angaben und Skizzen keine weiteren Hinweise vor.

Zu den Inhaftierten in dieser Zeit zählten neben Nationalsozialisten vor allem mutmaßliche politische Widersacher, die den demokratischen Parteien SPD, LDPD und CDU angehörten, aber auch sowjetische Militärangehörige und Kommunisten, denen mangelnde Linientreue zum Vorwurf gemacht wurde. Auch die damals 14jährige Erika Riemann gehörte zu den Inhaftierten. Sie befand sich von 1945 bis 1954 in sowjetischen und DDR-Haftanstalten, weil sie ein Stalinplakat mit einem Lippenstift bemalt hatte.

Zentrales Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit (1951–1989)

1951 übernahm das neu gegründete Ministerium für Staatssicherheit (MfS) das Kellergefängnis. In den folgenden Jahren erhielten einige Zellen Glasbausteinfenster. Nach etwa zehnjähriger Benutzung wurde es durch einen Neubau ersetzt und ab 1961 für Lagerzwecke genutzt.

Zusätzlich zu dem Kellergefängnis gab es in unmittelbarer Nähe zur Untersuchungshaftanstalt bis 1974 ein geheimes Arbeitslager des MfS, das Arbeitslager X. Häftlinge dieses Lagers mussten von 1958 bis 1960 den Gefängnisneubau errichten. Dieser Neubau enthielt über 100 Zellen und 120 Vernehmungszimmer.

Nach dem Mauerbau am 13. August 1961 diente es unter anderem als Haftanstalt für Menschen, die fliehen („Republikflüchtlinge") oder ausreisen wollten und auch für Kritiker der SED wie Rudolf Bahro, den Schriftsteller Jürgen Fuchs oder die Malerin Bärbel Bohley. Auch nach der unmittelbaren Nachkriegszeit waren dort noch gelegentlich Nazi-Kriegsverbrecher wie z. B. Heinz Barth inhaftiert. Die physische Folter als Methode der Geständniserpressung wurde nach Stalins Tod 1953 abgeschafft. Man ging allmählich von direkten, körperlichen Folterungen über zur psychologischen Zermürbung der Häftlinge unter anderem durch perfekte Isolation, Ungewissheit und Desorientierung (soziale und sensorische Deprivation). Die DDR suchte in den 1950er Jahren nach internationaler Anerkennung, und Folteropfer hatten eine negative Auswirkung für die öffentliche Wahrnehmung, daher die Abkehr von der physischen Gewalt. An der juristischen Hochschule in Potsdam ausgebildetes Fachpersonal wurde speziell geschult, die Persönlichkeit der Gefangenen zu destabilisieren und zu zersetzen. In allen Situationen wurden die Gefangenen schikaniert, zum Beispiel durch regelmäßiges Wecken in der Nacht oder durch wechselnde Regulierung der Zimmertemperatur. Jürgen Fuchs beschreibt in Protokollen vom Haftalltag in Hohenschönhausen ebenfalls die wechselnden Verhörstrategien und Erniedrigungsversuche. Sein Zellenpartner führte Verhör und Folter zu jeder Zeit fort. Fuchs wurde während seiner Haftzeit ein Besuch von seiner Frau gestattet. Nach dem Treffen sagte ihm ein Wärter: „Der erste Sprecher und ohne Tränen. Gratuliere. [...] Vielleicht hätten wir doch anordnen sollen, dass ihr Kind mitkommt."

Schon während der Verhöre und der erkennungsdienstlichen Behandlung wurden die Häftlinge psychisch unter Druck gesetzt, indem sie über Stunden ohne beachtet zu werden auf den ihnen zugewiesenen Plätzen verharren mussten, ohne zu wissen was weiterhin geschehen sollte. Des Weiteren wurden während der Anwesenheit des Häftlings fingierte Telefonate mit falschem Inhalt geführt, in denen hervorging, dass z. B. Familienangehörigen schlimme Schicksale zugestoßen sind. Der Häftling wurde jedoch im Unklaren gelassen, ob es sich um die eigenen Familienmitglieder handelte oder die einer anderen Person. Viele Gefangene wussten während ihrer Inhaftierung nicht, dass sie sich in Berlin befanden: Aus den fensterlosen Häftlingstransportern durften sie erst in einer direkt dem Zellentrakt angeschlossenen Garage aussteigen, die Zellenfenster bestanden aus Glasbausteinen, während den Vernehmungen wurden in den Verhörräumen die Gardinen geschlossen. Technische Vorrichtungen verhinderten, dass sich Gefangene auf dem Gang oder in anderen Bereichen zufällig begegnen konnten. So war es möglich, mehrere gemeinsame Tatverdächtige (unter anderem auch Ehepaare) in der gleichen Anstalt, zum Teil im gleichen Gebäude unterzubringen und direkt nacheinander zu verhören, ohne dass ein Gefangener von der Anwesenheit des anderen Gefangenen in der gleichen Anstalt wusste.

Das MfS hatte auf dem Gelände aber auch noch weitere Diensteinheiten wie die Hauptabteilung IX/11. Alle MfS-Gefängnisse der DDR wurden von diesem Ort aus zentral verwaltet.

Die gesamte Umgebung des Gefängnisses war zu DDR-Zeiten Sperrgebiet und in Stadtplänen verschleiert dargestellt. Im Sperrgebiet befanden sich MfS-Diensteinheiten wie der Operativ-Technische Sektor (z. B. Fälscherwerkstätten) und das Archiv der vom MfS verwalteten Akten aus der NS-Zeit. In der weiteren Umgebung, außerhalb des Sperrgebiets, waren Wohnungen angelegt, die vorrangig MfS-Mitarbeitern und staatsnahen Personen zugewiesen wurden. Bis heute wohnen ehemalige MfS-Mitarbeiter in dem Gebiet.


Fotoaufnahmen: Denny Müller